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Generisches Maskulinum
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Generisches Maskulinum (von lateinisch genus âGeschlecht, Gattung, Artâ, und masculus âmĂ€nnlichâ)cite-ref-2[2] bezeichnet die sexusindifferente (auch: geschlechtsneutrale oder geschlechtsunspezifische) Verwendung maskuliner Substantive oder Pronomen.cite-ref-3[3]cite-ref-4[4] Hierbei werden beispielsweise grammatisch maskuline Personen- oder Berufsbezeichnungen, von denen sich oft auch eine feminine Form ableiten lĂ€sst, generisch (also verallgemeinernd) fĂŒr Personen verwendet, deren biologisches Geschlecht entweder unbekannt, nicht von Bedeutung oder (im Plural) mĂ€nnlich, weiblich oder gemischt ist.cite-ref-duden-handbuch-2020-20-5-0[5]cite-ref-6[6] Auch fĂŒr einige Tierarten wird das generische Maskulinum geschlechtsneutral verwendet (siehe Abgeleitete Tierbezeichnungen). Im Gegensatz zum âspezifischenâ Maskulinum, das immer mĂ€nnliche Individuen bezeichnet, abstrahiert das generische Maskulinum vom Geschlecht, beispielsweise:
âą jeder, der helfen will, ist willkommen (jede und jeder)
âą alle Lehrer wollen guten Unterricht machen â sowohl mĂ€nnliche als auch weibliche LehrkrĂ€fte
âą viele BĂ€ren leben in den Bergen â sowohl mĂ€nnliche (BĂ€ren) als auch weibliche (BĂ€rinnen)
Je nach Sprache gibt es einen generischen Gebrauch des Maskulinums neben Substantiven auch bei anderen Wortarten wie Personalpronomen, Possessivpronomen, Indefinitpronomen und Demonstrativpronomen.
FĂŒr das Deutsche wurden in den spĂ€ten 1970er und den beginnenden 1980er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland von Bundesministerien im Rahmen von Bestrebungen zur Gleichstellung von Mann und Frau fĂŒr viele Berufsbezeichnungen movierte Formen neu geschaffen und dann lexikalisiert. GegensĂ€tzlich verlief die Entwicklung in der DDR, wo bewusst im Rahmen der Gleichberechtigung auf movierte Berufsbezeichnungen verzichtet wurde. Der Sprachwissenschaftler Eckhard Meineke sieht in den geschlechtsdifferenzierten Ausbildungsverordnungen der Bundesrepublik den Ursprung fĂŒr die seit den 1980er-Jahren in öffentlichen Texten abnehmende Verwendung des generischen Maskulinums insbesondere bei Berufsbezeichnungen und bei Nomina Agentis. Die feministische Diskussion habe erst spĂ€ter Breitenwirksamkeit erlangt.cite-ref-e-meineke-s189-7-0[7]
Die seit den 1970er Jahren sich entwickelnde feministischen Linguistik kritisiert, das generische Maskulinum sei missverstĂ€ndlich, da bei seiner Verwendung Frauen nicht sichtbar wĂŒrden und nur mitgemeint seien. Es wurden zahlreiche psycholinguistische Untersuchungen durchgefĂŒhrt, die nahelegen, dass bei Texten mit generischen Maskulina eher mĂ€nnliche Personen assoziiert werden. Allerdings bezweifeln Sprachwissenschaftler wegen methodischer MĂ€ngel die Beweiskraft dieser Untersuchungen; so werden etwa der Unterschied zwischen Singular und Plural, die Bedeutung des Textkontextes oder die Auswirkung der Referenz zu wenig beachtet. Weitere Studien zur TextverstĂ€ndlichkeit zeigen, dass die kognitive VerstĂ€ndlichkeit der untersuchten Texte mit generischen Maskulina gleich gut oder besser ist als die der gegenderten Textvarianten.cite-ref-e-meineke-s222-8-0[8]cite-ref-h-wegener-9-0[9]cite-ref-friedrich-heise-10-0[10]
Contents
âą Vorkommen
âą Substantive
âą Pronomina
âą Siehe auch
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
ââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââ
Geschichte des Begriffes
Im englischen Sprachraum: angewandt auf anaphorische Pronomina
Im Englischen erschien der Ausdruck generic masculine als ad-hoc-Bezeichnung vereinzelt bereits frĂŒh.cite-ref-11[11] Eine kulturelle Debatte entbrannte darĂŒber aber erst um 1974, in der Zeit der zweiten Welle der Frauenbewegung. Der Gebrauch maskuliner Pronomina fĂŒr Personen unbestimmten Geschlechts (when a child plays with his friends) wird im Englischen seitdem als problematisch empfunden.cite-ref-12[12] Im englischsprachigen Diskurs wird der Oberbegriff generisches Maskulinum bis heute allerdings nur selten verwendet; eher ist dort spezifisch vom generischen he (engl. auch: epicene he) die Rede.cite-ref-13[13]
In Sprachen wie dem Deutschen spielt das Problem der generisch maskulinen Pronomina kaum eine Rolle, weil die Wahl der Pronomina hier nicht wie im Englischen vom natĂŒrlichen Geschlecht der bezeichneten Personen, sondern vom Genus des Nomens bestimmt wird. Im Englischen haben Nomen in der Regel kein Genus mehr â oder dieses ist nicht sichtbar und fungiert als bloĂes antecedent, zu dem die Pronomina sich nur im Numerus kongruent verhalten. (Die Farben markieren das natĂŒrliche Geschlecht):cite-ref-14[14]
âą Englisch
âą natĂŒrliches Geschlecht: mĂ€nnlich â There is my best student. I canât praise him enough. â The cute little tot is our grandchild. He doesn't talk yet.
âą natĂŒrliches Geschlecht: weiblich â There is my best student. I canât praise her enough. â A girl lives next door. I see her often.
âą kein natĂŒrliches Geschlecht â There is my car. I drive it every day. â The cake is good. I like it.
âą verbliebenes oder metaphorisches Geschlecht (selten) - The Boeing 747 flew to London. She arrived later than expected.
âą Deutsch
âą grammatisches Geschlecht: Maskulinum â Da ist mein bester SchĂŒler. Ich kann ihn nicht genug loben. â Der Kuchen ist gut. Ich mag ihn.
âą grammatisches Geschlecht: Femininum â Da ist meine beste SchĂŒlerin. Ich kann sie nicht genug loben. â Diese Gesellschaft ist toll. Ich mag sie.
âą grammatisches Geschlecht: Neutrum â Da ist mein Auto. Ich fahre es jeden Tag. â Nebenan wohnt ein MĂ€dchen. Ich sehe es oft. â Das niedliche Baby ist unser Enkelkind. Es schlĂ€ft schon durch.
Bei Anaphern allerdings war eine Genuskongruenz auch im Deutschen bis ins 20. Jahrhundert hinein nicht zwingend:cite-ref-15[15] âWer nicht fĂŒhlt, was ein ehrbares MĂ€dchen empfinden muĂ, wenn man um sie wirbt, der verdient sie nicht zu erhalten.â (Goethe, Wilhelm Meisters Wanderjahre, Kapitel 9).cite-ref-16[16]
Im deutschen Sprachraum: angewandt auf Substantive
Im soziolinguistischen Diskurs des Deutschen lĂ€sst sich eine LehnĂŒbersetzung âgenerisches Maskulinumâ erst in den 1980er Jahren nachweisen.cite-ref-17[17] Anders als im Englischen, wo es fast ausschlieĂlich um Pronomina geht, bezeichnet der Terminus im Deutschen seitdem fast ausschlieĂlich Mehrdeutigkeiten bei Substantiven.cite-ref-18[18] Die erste Untersuchung zur Frage, wie Sprachbenutzer grammatisch maskuline Personenbezeichnungen verstehen, hat 1988 Josef Klein durchgefĂŒhrt.cite-ref-klein-19-0[19] Noch in den 1990er Jahren erregten Genus-Sexus-Diskrepanzen oftmals nur dann Aufmerksamkeit, wenn sie Verwirrung ĂŒber die Kongruenzregeln brachten (âder Sprintstar und ihre Freundinnenâ).cite-ref-20[20]
Im feministischen Diskurs war der Begriff Mitte der 1990er Jahre jedoch bereits fest etabliert.cite-ref-21[21] 1980 â im selben Jahr, in dem auch die deutsche Ăbersetzung von Gerd Brantenbergs feministischem und sprachsensiblem Roman Die Töchter Egalias herauskam â war mit Luise F. Puschs und Senta Trömel-Plötzâ Themenband Sprache, Geschlecht und Macht erstmals ein nicht nur fĂŒrs sprachwissenschaftliche Fachpublikum bestimmtes Werk erschienen, in dem das generische Maskulinum aus feministischer Sicht problematisiert wurde.cite-ref-22[22]
Kontext: Auseinanderfallen von grammatischer Form und Signifikatmerkmalen
â
Hauptartikel
:
Generisch (Linguistik)
Das generische Maskulinum ist in der deutschen Sprache nicht der einzige Fall, bei dem die grammatische Form die Merkmale des Signifikats nicht voll abbildet. Beispiele finden sich auch bei anderen Genera, beim Numerus, beim Tempus und bei der Diathese:
| Grammatische Kategorie | Einzelfall | Beispiel | Weitere FĂ€lle (Auswahl) |
|---|---|---|---|
| Genus | Generisches Maskulinum | der Verbraucher, der Hase, der Rogner (weibl. Fisch) | |
| Genus | Generisches Femininum | die Waise, die Giraffe, die Drohne | |
| Genus | Generisches Neutrum | das Huhn, das Pferd, das Kind | |
| Numerus | Generischer Singular | â Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.â | Kollektiver und reprĂ€sentativer Singular , Kollektiva ( GeflĂŒgel, Mitarbeiterstab, Klientel ) |
| Numerus | Generischer Plural | Höflichkeitsform â Sie â: â Sie ahn en nicht, wie sehr ich Sie und Ihre Frau bewundere.â | Höflichkeitsform â Ihr â |
| Tempus | Futurisches PrĂ€sens | âSie fliegt am Montag nach Dubai.â | Historisches PrĂ€sens |
| Diathese | Generisches Passiv | âFunktionswörter werden kleingeschrieben .â | |
Vorkommen
Substantive
Nicht in allen Sprachen werden weibliche und mÀnnliche Substantive unterschieden:
| Sprache | Maskulinum | Femininum |
|---|---|---|
| Deutsch | ein Hund | eine Katze |
| IslĂ€ndisch | hund ur (ein Hund) | kanĂn a (ein Kaninchen) |
| FÀröisch | ein hund ur (ein Hund) | ein blóm a (eine Blume) |
| Nynorsk | en hund (ein Hund) | en/ ei katt (eine Katze) |
| Elemente, die das Genus erkennbar machen, sind unterstrichen | Elemente, die das Genus erkennbar machen, sind unterstrichen | Elemente, die das Genus erkennbar machen, sind unterstrichen |
Substantive mit weiblicher Ableitungsform
1. Substantive, die sich unabhĂ€ngig von ihrem grammatischen Genus auf Personen beiderlei natĂŒrlichen Geschlechts beziehen können (der Mensch, die Person, das Individuum). Sie werden als sexusindifferent bezeichnet.
2. Substantive, die sich entweder nur auf MĂ€nner oder nur auf Frauen beziehen (der Knecht, die Mutter). Das Genus dieser Wörter entspricht im Regelfalle dem natĂŒrlichen Geschlecht der bezeichneten Person, weicht bei den meisten Diminutivformen und in einigen weiteren individuellen AusnahmefĂ€llen aber davon ab (das MĂ€dchen, das Weib).
3. Substantive, bei denen neben der maskulinen Grundform eine durch Movierung gewonnene feminine Ableitung besteht (der Arzt, die Ărztin). Movierung existiert auch in vielen anderen Sprachen; neben dem Niederdeutschen und dem modernen HebrĂ€ischen gibt es weltweit jedoch nur wenige Sprachen, die weibliche Ableitungen in groĂer Zahl hervorbringen (siehe auch Movierte Tierbezeichnungen).
Disambiguierung substantivischer Maskulina der dritten Klasse
Bei Substantiven dieser dritten Klasse verweist die Ableitung stets auf den weiblichen Sexus, wĂ€hrend die Sexusbedeutung der Grundform vom Kontext abhĂ€ngt.cite-ref-dg1995-196-24-0[24] Das spezifische (nicht-generische) Maskulinum ist bei den deutschen Substantiven im Singular daran zu erkennen, dass kein beliebiger Vertreter der bezeichneten Klasse, sondern ein bestimmtes Individuum gemeint ist; in beiden Numeri (Singular + Plural) ist es an Kontexthinweisen kenntlich. In allen ĂŒbrigen FĂ€llen liegt ein generisches Maskulinum vor.
Mit Hilfe dieser beiden Kriterien â a. Bestimmtheit der bezeichneten Person oder des bezeichneten Tieres, b. Kontext â kann in ZweifelsfĂ€llen eine Disambiguierung (Auflösung sprachlicher Mehrdeutigkeit) vorgenommen werden:
| | Sexus mÀnnlich | Sexus unbestimmt (generisches Maskulinum) | Sexus weiblich |
|---|---|---|---|
| Singular | Die Grundform bezeichnet eine mÀnnliche Person oder ein mÀnnliches Tier, wenn a. entweder ein bestimmtes Individuum gemeint ist und/oder b. der Kontext darauf hinweist, dass eine mÀnnliche Person oder ein mÀnnliches Tier gemeint ist. | Wenn beide links genannten Bedingungen fehlen, bezeichnet die Grundform kein bestimmtes Geschlecht. | Die abgeleitete Form mit weiblichem Suffix bezeichnet immer eine weibliche Person oder ein weibliches Tier. |
| Singular | bestimmt: Der Roman erzĂ€hlt die Geschichte eines russischen Arztes. Paul ist ein guter Arzt. (mĂ€nnlicher Vorname) Der Wolf Akela war schon alt und schwach. (individueller Wolf) | | bestimmt: Dorothea Erxleben war die erste promovierte Ărztin Deutschlands. Die Wölfin Rakscha zog Mowgli gemeinsam mit ihrem eigenen Wurf auf. |
| Singular | unbestimmt: FĂŒr das medizinische Team werden ein Arzt und eine Ărztin gesucht. (GegenĂŒberstellung Arzt/Ărztin ) Fast jeder mĂ€nnliche Arzt hat eine Helferin dabei, die bei einer Verleumdung fĂŒr ihn aussagt. (Adjektiv mĂ€nnlich ) Ein stĂ€rkerer Hirsch deckt in seinem Rudel einen GroĂteil der empfangsbereiten Weibchen. (âWeibchen deckenâ) | unbestimmt: Wegen seiner RĂŒckenschmerzen sollte Max einmal mit einem Arzt sprechen. Unsere Enkelin will Arzt werden. Julia ist unser bester Arzt. (von all unseren Ărzten [ââ] ist sie der beste) Der Arzt kennt seine Patienten. ( generalisierender Singular ) Der kleinste Hirsch der Welt ist der Pudu. | unbestimmt: Jede Ărztin kann sich auch auf dem Gebiet der Andrologie fortbilden. Unsere Enkelin will Ărztin werden. Die Tragzeit belĂ€uft sich bei einer Hindin auf sechs bis neun Monate. |
| Plural | Die Grundform bezeichnet ausschlieĂlich mĂ€nnliche Personen/Tiere, wenn der Kontext darauf hinweist, dass ausschlieĂlich mĂ€nnliche Personen/Tiere gemeint sind. | Wenn die links genannte Bedingung fehlt, bezeichnet die Grundform kein bestimmtes Geschlecht. | Die abgeleitete Form mit weiblichem Suffix bezeichnet immer eine rein weibliche Mehrzahl von Personen/Tieren. |
| Plural | bestimmt: Die Söhne der Meyers wollen Ărzte werden. (Söhne) Die Ărztinnen und Ărzte des Landeskrankenhauses tragen bei der Visite heute keine Kittel mehr. (GegenĂŒberstellung Ărztinnen/Ărzte ) Als Packtiere wurden zwei Eselhengste mitgenommen. (Hengste) | unbestimmt: Kristof Magnussons Roman erzĂ€hlt die Geschichte zweier Berliner Ărzte. (ââ oder ââ oder ââ) Die zwei Esel auf Constables GemĂ€lde stehen im Halbschatten. | bestimmt: Unter den Passagieren befanden sich zum GlĂŒck auch zwei Ărztinnen. Es hatte aber Kis, der Vater Sauls, seine Eselinnen verloren [âŠ] ( 1 Sam 9,3 ) |
| Plural | bestimmt: In Russland sind mĂ€nnliche Ărzte im Kollegium meist in der Minderheit. (Adjektiv mĂ€nnlich ) MĂ€nnliche Hunde werden als âRĂŒdenâ bezeichnet. | unbestimmt: Einige Politiker meinen, Ărzte verdienten zu viel. Die ersten Ărzte, die diese Behandlung angeboten haben, waren zwei GynĂ€kologen in MĂŒnchen. Die Domestizierung der Hunde begann in der Steinzeit. | bestimmt: Bereits 1840 hat die UniversitĂ€t ZĂŒrich kĂŒnftige Ărztinnen ausgebildet. Auch HĂŒndinnen zeigen oft ein dominantes Verhalten. |
Ableitung weiblicher Formen in Sprachen ohne substantivische Genera
Auch einige Sprachen, die bei den Substantiven nicht zwischen Maskulina und Feminina unterscheiden, kennen eine Ableitung weiblicher Formen.
Dies betrifft etwa das Schwedische, wo vereinzelt noch Ableitungen wie lĂ€rare â lĂ€rarinna (âLehrer/Lehrerinâ â âLehrerinâ) in Gebrauch sind. Diese weiblichen Formen gelten im Schwedischen heute jedoch als veraltet und werden hauptsĂ€chlich noch in historischen Texten verwendet: ([Selma Lagerlöf] lĂ€mnade hemmet för att utbilda sig till lĂ€rarinna vid Högre LĂ€rarinneseminariet i Stockholm. â[Selma Lagerlöf] verlieĂ das Zuhause, um sich im Höheren Lehrerinnenseminar in Stockholm als Lehrerin ausbilden zu lassen.â)cite-ref-25[25]
Auch im Ungarischen, wo es weder fĂŒr Substantive noch fĂŒr Pronomen Genera gibt, werden bei den Berufsbezeichnungen von den Grundformen weibliche Formen abgeleitet: tanĂĄr â tanĂĄrnĆ (âLehrer/Lehrerinâ â âLehrerinâ). Obwohl die Grundform sexusunspezifisch ist, empfinden viele ungarische Sprachbenutzer â anders als die schwedischen â es als unangebracht oder störend, wenn sie benutzt wird, um ausschlieĂlich Frauen zu bezeichnen.cite-ref-26[26]
Generischer Gebrauch von Maskulina bei biosystematischen Klassen
In vielen Sprachen gibt es Wörter, die gleichzeitig eine bestimmte biosystematische Klasse und mĂ€nnliche Exemplare dieser Klasse bezeichnen. Im Deutschen gilt dies fĂŒr einige dem Menschen nahestehende Haus- und Nutztiere sowie fĂŒr einheimisches Jagdwild, etwa der BĂ€r (â die BĂ€rin), der Löwe (â die Löwin), der Hirsch (â die Hirschkuh, die Hinde, die Hindin).
Siehe auch
:
Abgeleitete deutsche Tierbezeichnungen
und
Bezeichnungen fĂŒr Haus- und Wildtiere
âą einige germanische Sprachen: das Englische (man) â nicht aber das NiederlĂ€ndische (mens/man) und das Westfriesische (minsk/man)
âą die meisten romanischen Sprachen: das Lateinische (homo), das Italienische (uomo), das Französische (homme), das Spanische (hombre), das Portugiesische (homen) â nicht aber das RumĂ€nische (om/bÄrbat)
Im Deutschen haben sich Reste eines solchen generischen Gebrauches des Wortes Mann in einigen Redewendungen erhalten (zwanzig Mann, alle Mann, etwas an den Mann bringen, Not am Mann, den toten Mann machen, Mann ĂŒber Bord, Mann und Maus) sowie in einigen Komposita (jedermann, Mannjahre, Privatmann) und in Ableitungen (kaufmĂ€nnisch, fachmĂ€nnisch, bemannte Raumfahrt). Auch das hĂ€ufig verwendete Indefinitpronomen man geht auf einen solchen Wortgebrauch zurĂŒck.cite-ref-27[27]
Generische Maskulina als Grundlage bei der Wortbildung
Selbst wenn bei einem Substantiv eine durch Movierung gewonnene feminine Alternativform existiert (Bauer â BĂ€uerin, Hund â HĂŒndin), wird bei der Wortbildung auch dann die Grundform verwendet, wenn der Sexus unbestimmt ist oder sowohl weibliche als auch mĂ€nnliche Individuen gemeint sind: Bauernregel, verbauern, bĂ€uerlich, bĂ€urisch; Hundefloh, hundsgemein, hundemĂŒde.
Weibliche Movierungsformen können nur dann Wortbildungen hervorbringen, wenn letztere ausschlieĂlich und spezifisch auf weibliche Individuen bezogen sind (BĂ€uerinnenrente, Lehrerinnenzölibat, lehrerinnenhaft; Löwinnenkopf).
Pronomina
Generisches maskulines Plural- sie
In vielen Sprachen existieren fĂŒr die 3. Person Plural (sie) ein maskulines und ein feminines Personalpronomen, wobei das maskuline auch generisch verwendet wird. Ein Beispiel aus dem Französischen:
| Nur mĂ€nnliche Personen | Lâentreprise embauche deux avocats. Ils vont gĂ©rer tous les litiges. |
|---|---|
| Personen unbestimmten oder beiderlei Geschlechts | Lâentreprise embauche deux avocats. Ils vont gĂ©rer tous les litiges. |
| Nur weibliche Personen | Lâentreprise embauche deux avocats. Elles vont gĂ©rer tous les litiges. |
| Ăbersetzung | âDas Unternehmen stellt zwei AnwĂ€lte ein. Sie werden alle StreitfĂ€lle handhaben.â |
Eine Àhnliche Situation findet sich in allen anderen romanischen Sprachen, aber beispielsweise auch im IslÀndischen, Griechischen, Serbokroatischen, HebrÀischen und Arabischen. Semitische Sprachen unterscheiden auch in der 2. Person Singular (du) zwischen maskulinen und femininen Personalpronomen. Im Französischen hat auch das Demonstrativpronomen celui im Plural neben einer femininen Form (celles) eine generisch verwendbare maskuline Form (ceux).
Zu den sehr wenigen Sprachen, die fĂŒr Personenmehrzahlen unbestimmten oder beiderlei Geschlechts ein selbststĂ€ndiges Personalpronomen haben, zĂ€hlt die Plansprache VolapĂŒk:
| Nur mÀnnliche Personen | löf oms odis |
|---|---|
| Personen unbestimmten oder beiderlei Geschlechts | löf ons odis |
| Nur weibliche Personen | löf ofs odis |
| Ăbersetzung | âsie lieben einanderâ |
Generisches er in Sprachen ohne substantivische Maskulina
| | Maskulinum | generisches Maskulinum | Femininum |
|---|---|---|---|
| Englisch | A teacher knows his students since he teaches them every day. | A teacher knows his students since he teaches them every day. | A teacher knows her students since she teaches them every day. |
| Schwedisch | En lÀrare kÀnner sina elever för att han lÀr dem varje dag. | En lÀrare kÀnner sina elever för att han lÀr dem varje dag. | En lÀrare kÀnner sina elever för att hon lÀr dem varje dag. |
| Ăbersetzung | â Ein Lehrer kennt seine SchĂŒler, denn er unterrichtet sie jeden Tag.â | â Ein Lehrer/eine Lehrerin kennt seine/ihre SchĂŒler, denn er/sie unterrichtet sie jeden Tag.â | â Eine Lehrerin kennt ihre SchĂŒler, denn sie unterrichtet sie jeden Tag.â |
Eine kleine Anzahl von Sprachen â darunter das Englische, Afrikaans und viele Plansprachen wie Esperanto â kennt bei den Substantiven kein Genus, unterscheidet aber zwischen maskulinen und femininen Personalpronomina. Die Entscheidung, die ein Sprecher des Deutschen eventuell bereits beim Substantiv machen muss (âgenerisch maskuline Grundform oder feminine Ableitungsform mit -in?â), stellt sich einem Sprecher des Englischen erst im anaphorischen Gebrauch, d. h. wenn er Personalpronomina verwenden will, die auf das â eigentlich sexusindifferente â Substantiv bezogen sind.
Ganz Àhnlich ist die Situation in Sprachen wie dem Schwedischen, wo bei den Substantiven zwar Genera unterschieden werden, aber nicht Maskulinum und Femininum, sondern nur Utrum (persönlich) und Neutrum (nicht-persönlich). Weitere Sprachen mit Utrum sind das DÀnische, BokmÄl und das Westfriesische.
Solange der Sexus bestimmt ist (entweder âein mĂ€nnlicher Lehrerâ oder âeine Lehrerinâ), gibt es in den hier genannten Sprachen keinerlei Mehrdeutigkeiten. Wenn der Sexus jedoch unbestimmt bleiben soll (âein Lehrer/eine Lehrerinâ), wird beim Personalpronomen das generische Maskulinum verwendet (englisch: he, him, his usw.; schwedisch: han, honom, hans usw.). Sowohl im englischen als auch im schwedischen Sprachraum wird diese Besonderheit der ĂŒberlieferten Grammatik heute als zunehmend problematisch empfunden.
Indefinitpronomina
Im Deutschen weisen auch einige substantivisch gebrauchte Indefinitpronomina Merkmale von generischen Maskulina auf. Diese erfordern, obwohl sie selbst kein Genus haben, die Verwendung maskuliner Personalpronomina:
âą Man hat sein GlĂŒck nicht gemacht, vermag man nicht, es zu genieĂen.
âą wer nie sein Brot mit TrĂ€nen aĂ
Ăhnliches gilt fĂŒr die Indefinitpronomina irgendwer, jeder, jedweder, jeglicher, jedermann, einer, unsereiner, keiner, mancher, meinesgleichen, deinesgleichen usw. Bei jemand und niemand beschreibt die Duden-Grammatik neben dem generisch maskulinen Gebrauch auch einen femininen:cite-ref-duden1001-29-0[29]
âą Sie ist jemand, der/die nicht so schnell aufgibt.
âą Die Nachbarin ist niemand, mit dem/der ich reden kann.
Vergleichbare Situationen bestehen auch in vielen anderen Sprachen:
⹠englisch: Nobody buys what he can get for free. (Heute weitaus gebrÀuchlicher: Nobody buys what they can get for free.)
⹠schwedisch: Ingen köper vad han kan fÄ gratis. (Heute vereinzelt auch: Ingen köper vad hen kan fÄ gratis.)
⹠niederlÀndisch: Niemand koopt wat hij gratis kan krijgen.
âą französisch: Personne nâachĂšte ce quâil peut obtenir gratuitement.
(Ăbersetzung: âNiemand kauft, was er umsonst bekommen kann.â)
Sprachkritik am generischen Maskulinum
Das generische Maskulinum ist Gegenstand der Sprachkritik insbesondere von Seiten der feministischen Linguistik. Der generische Gebrauch des Maskulinums fĂŒhre zu Mehrdeutigkeiten â âsind Personen unbestimmten Geschlechts oder spezifisch mĂ€nnliche Personen gemeint?â â, die zumindest bei den Substantiven durch Disambiguierung mehr oder weniger sicher beseitigt werden können (siehe oben). Gegenstand der Sprachkritik sind solche FĂ€lle, in denen die Disambiguierung versagt (siehe unten Uneindeutigkeit bezĂŒglich des Einbezugs von Frauen).
FĂŒr die Behebung von Problemen, die sich aus der Verwendung generischer Maskulina eventuell ergeben, sind zahlreiche LösungsvorschlĂ€ge gemacht worden, unter denen sich zwei Typen unterscheiden lassen:cite-ref-sbl-30-0[30]
âą Ausgleich/Feminisierung zielt auf einen Gebrauch Gender-adĂ€quater Personenbezeichnungen und bedeutet in der Praxis eine Mehrverwendung weiblicher Wörter, beispielsweise weiblicher Formen von Funktions- und Berufsbezeichnungen (Lehrer â Lehrerin). Dieser Weg wird besonders in gendered languages beschritten, also in Sprachen, die sowohl bei Pronomina als auch bei Substantiven zwischen Maskulinum und Femininum unterscheiden (Deutsch, Französisch, Spanisch).cite-ref-pappas-31-0[31]
⹠Neutralisierung zielt im Gegenteil auf eine Vermeidung Gender-spezifizierender sprachlicher Mittel und bedeutet in der Praxis, dass sexusspezifische Formen durch unspezifische Formen so weit wie möglich ersetzt werden (etwa mankind durch humankind, mom/dad durch parent). Neutralisierung wird vor allem in natural gender languages gewÀhlt, in Sprachen also, die einen Unterschied zwischen weiblichem und mÀnnlichem Genus nur bei den Pronomina, nicht aber den Substantiven machen (Englisch, Schwedisch).cite-ref-pappas-31-1[31]
Generischer Gebrauch des Maskulinums bei Pronomina
Englisch
Generisches he und singularisches they
Im Englischen besteht neben dem generischen he traditionell die Alternative eines singularischen they:cite-ref-32[32]
âA person canât help their birth.â
âKein Mensch kann etwas fĂŒr seine Geburt.â
â
William Makepeace Thackeray
:
Jahrmarkt der Eitelkeit
Die im ausgehenden 18. Jahrhundert aufgekommene normative Grammatik brandmarkte diese Praxis.cite-ref-33[33] Das britische Parlament verabschiedete 1850 ein als Lord Broughamâs Act bekannt gewordenes Gesetz, mit dem festgeschrieben wurde, dass in Gesetzestexten das generische he von da an als einzige anaphorische Form verwendet werden durfte.cite-ref-34[34]
Studien zum Verstehen des generischen he
Zur Kompetenz der Leser, ein generisches he als solches zu erkennen â also nicht vorzugsweise auf mĂ€nnliche Personen zu beziehen â, sind im englischsprachigen Raum zahlreiche Studien durchgefĂŒhrt worden.
Bei Kindern
Kinder verstehen das Konzept des generischen he erst relativ spĂ€t und glauben bis dahin, dass jedes he sich auf eine mĂ€nnliche Person beziehe. In einer Gruppe von 6-JĂ€hrigen, die fĂŒr eine 1980 veröffentlichte Studien untersucht worden waren, verstanden nur 28 % das Konzept des generischen he; in der aus College-Studenten zusammengesetzten Kontrollgruppe waren es dagegen 84 %.cite-ref-35[35] SpĂ€tere Studien bestĂ€tigten die Befunde von 1980.cite-ref-36[36] Das singularische they ist von allen untersuchten Formulierungen diejenige, die von Kindern am leichtesten als sexusindifferent verstanden wird.cite-ref-37[37]
Bei weiblichen Stellensuchenden
Eine Anzahl weiterer Studien hat sich mit der Frage beschĂ€ftigt, in welchem MaĂe erwachsene Frauen sich von Stellenanzeigen angesprochen fĂŒhlen, in denen das generische Maskulinum verwendet wird. Eine 1973 veröffentlichte Studie ergab, dass die weiblichen Versuchspersonen angesichts so formulierter Inserate auch dann weniger als die mĂ€nnlichen Versuchspersonen zu einer Bewerbung bereit waren, wenn sie fĂŒr die Position qualifiziert gewesen wĂ€ren.cite-ref-38[38]
Eine 1981 veröffentlichte Studie fĂŒhrte zu der Erkenntnis, dass Frauen die Erfolgschancen weiblicher Stellenbewerber höher einschĂ€tzen, wenn in der Stellenanzeige geschlechtsindifferente Pronomina (he or she, they) verwendet werden, als wenn in der Stellenbeschreibung nur das generische he erscheint.cite-ref-39[39]
FĂŒr eine 1983 publizierte Studie wurden weiblichen und mĂ€nnlichen Versuchspersonen AuszĂŒge aus einem Text ĂŒber die ethischen Standards fĂŒr Psychologen vorgelegt, wobei die drei Kontrollgruppen jeweils unterschiedliche Textversionen lasen: mit der Formulierung âhe and sheâ, mit âshe and heâ und mit dem generischen he. Die Studie lieferte den Befund, dass in der dritten Gruppe die weiblichen Versuchspersonen seltener als in den anderen beiden Gruppen angaben, sie wĂŒrden gern Psychologie studieren.cite-ref-40[40]
Bei Erwachsenen im Allgemeinen
Bereits in den 1970er Jahren wurde in Studien nachgewiesen, dass das generische he von erwachsenen Sprachbenutzern generell oft nicht erkannt und dann nur auf mĂ€nnliche Referenten bezogen wird.cite-ref-41[41] John Gastil (University of WisconsinâMadison) entdeckte 1990, dass mĂ€nnliche Versuchspersonen auch die alternative Formulierung he/she vorzugsweise auf mĂ€nnliche Referenten bezogen. Allein die Formulierung they wurde sowohl von mĂ€nnlichen als auch von weiblichen Versuchspersonen als sexusunspezifisch verstanden.cite-ref-42[42] Eine neuseelĂ€ndische Studie hatte in demselben Jahr Ă€hnliche Befunde geliefert.cite-ref-43[43] Mykol C. Hamilton (Centre College, Kentucky) bestĂ€tigte 1998 Gastils Befunde und konnte ergĂ€nzen, dass mĂ€nnliche Versuchspersonen generische Formulierungen insgesamt hĂ€ufiger missdeuteten als weibliche Versuchspersonen.cite-ref-44[44]
Eine 2009 vorgelegte Studie zeigte, dass die Probleme erwachsener Versuchspersonen, ein generisches he zu verstehen, seit 1990 in vollem Umfange bestehen geblieben sind.cite-ref-45[45]
Wiederkehr des singularen they
â
Hauptartikel
:
Singulares âtheyâ im Englischen
,
Singulares âtheyâ fĂŒr nichtbinĂ€re Personen
und
Genderneutrale Sprache im Englischen
Im gesprochenen Englisch hat sich das singulare Pronomen they â vor allem in den Vereinigten Staaten â im 21. Jahrhundert verbreitet und das generische he (âerâ) teilweise verdrĂ€ngt. Der einflussreiche US-Styleguide The Chicago Manual of Style erlaubt das singulare they in seiner 17. Auflage 2018 im mĂŒndlichen sowie im informellen schriftlichen Sprachgebrauch; fĂŒr den förmlichen schriftlichen Gebrauch wird es nur in Bezug auf individuelle Personen erlaubt, die sich mit den geschlechtlichen FĂŒrwörtern he (âerâ) oder she (âsieâ) nicht identifizieren.cite-ref-46[46]
Verwendung des singularen they im Vergleich:
| generisches Maskulinum | heâŠhisâŠhim | Every child loves his stuffed animal. It is precious to him and he needs it. |
|---|---|---|
| singulares Pronomen | theyâŠtheirâŠthem | Every child loves their stuffed animal. It is precious to them and they need it. |
| Ăbersetzung | esâŠseinâŠihm | Jedes Kind liebt sein Stofftier. Es ist ihm kostbar und es braucht es. |
Schwedisch
FĂŒr das Schwedische, wo fĂŒr den anaphorischen Gebrauch bis dahin nur das maskuline Personalpronomen han (âerâ) und dessen feminine Entsprechung hon (âsieâ) zur VerfĂŒgung stand, schlug der Linguist Rolf DunĂ„s in einem Artikel der Upsala Nya Tidning 1966 vor, ein drittes Pronomen zu schaffen, das spezifisch Personen unbestimmten Geschlechts bezeichnen sollte. Die Anregung fĂŒr das neue Kunstwort hen fand er im Finnischen, das keine Genera kennt und ein einheitliches Pronomen hĂ€n (âer/sieâ) fĂŒr Personen jeglichen Geschlechts verwendet.cite-ref-47[47] Die Diskussion war zunĂ€chst eher akademischer Natur und weitgehend auf ein Fachpublikum beschrĂ€nkt.cite-ref-48[48] Zu Beginn des 21. Jahrhunderts begannen auch Teile der LGBT-Community das Wort zu gebrauchen.cite-ref-sbl-30-1[30]
Eine breite öffentliche Debatte entstand in Schweden erst, nachdem der Autor Jesper Lundqvist gemeinsam mit der Illustratorin Bettina Johansson 2012 ein Bilderbuch Kivi & Monsterhund veröffentlichte, das als erstes schwedisches Kinderbuch das Pronomen hen verwendete.cite-ref-49[49] WĂ€hrend das neue Wort noch 2012 von der Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt worden war, verschoben sich die VerhĂ€ltnisse bis 2014.cite-ref-sbl-30-2[30] In der schwedischen Presse wurde das Wort von 2012 bis 2020 zunehmend hĂ€ufiger gebraucht. Seitdem hat die Zunahme dort jedoch bei einem Stand von 0,87 % fĂŒr hen aufgehört.cite-ref-50[50] Zu der Frage, ob der Gebrauch von hen seit 2021 in der schwedischen Presse wieder abgenommen hat, sind (Stand Januar 2025) keine Daten veröffentlicht wurden, obwohl dies vorher seit 2012 jĂ€hrlich geschehen war.
2013 hat der schwedische Sprachrat (SprÄkrÄdet) den Gebrauch des neuen Wortes anerkannt.cite-ref-51[51]
Anwendung von hen im Vergleich:
| Generisches Maskulinum | Varje flykting fÄr hjÀlp. Han och hans familj fÄr en lÀgenhet. En advokat rÄder honom . |
|---|---|
| Mit dem Kunstwort hen | Varje flykting fÄr hjÀlp. Hen och hens familj fÄr en lÀgenhet. En advokat rÄder hen . |
| Ăbersetzung | âJeder FlĂŒchtling erhĂ€lt Hilfe. Er/sie und seine/ihre Familie bekommen eine Wohnung. Ein Anwalt berĂ€t ihn/sie .â |
Das Schwedische ist bisher die einzige Sprache, in der die EinfĂŒhrung eines neuen Sexus-indifferenten Pronomen weite gesellschaftliche Akzeptanz gefunden hat.cite-ref-sbl-30-3[30] In Norwegen ist 2017 eine Initiative der Arbeiderpartiet, fĂŒr die Landessprache BokmĂ„l ebenfalls ein hen einzufĂŒhren, am Widerstand der konservativeren Parteien gescheitert.cite-ref-52[52] Im DĂ€nischen findet hĂžn allmĂ€hlich Verbreitung und im IslĂ€ndischen hĂĄn.cite-ref-53[53]
Generischer Gebrauch des Maskulinums bei Substantiven
Alternativen zum Gebrauch des generischen Maskulinums bei Substantiven
Im Deutschen
Ăbersicht
â
Hauptartikel
:
Strategien des geschlechtergerechten Formulierens
und
Ăbersicht: Gendern in der deutschen Sprache
Ausgehend von der These, der generische Gebrauch von Maskulinformen, die auch zur Bezeichnung von MĂ€nnern verwendet werden, verhindere die Sichtbarkeit von Frauen in der Sprache, wurden ab 1980 im deutschsprachigen Raum zwei grundlegende Mittel zur sprachlichen Gleichbehandlung der Geschlechter entwickelt:
1. Sichtbarmachung beider Geschlechter durch Beidnennung (Paarformen), auch in Kurzform, und darĂŒber hinausgehende mehrgeschlechtliche Schreibweisen
2. Neutralisierung von geschlechtlichen Aspekten durch neutrale Bezeichnungen oder durch Umformulierungen
Ab den 1980ern fanden das Ziel der sprachlichen Gleichbehandlung und die Mittel zur Vermeidung des generischen Maskulinums Eingang in Gesetze und amtliche Regelungen zur geschlechtergerechten Sprache und wurden von vielen Behörden in eigenen SprachleitfÀden umgesetzt.
Der Rat fĂŒr deutsche Rechtschreibung erklĂ€rte dazu 2018: âDie weit verbreitete Praxis, immer von Frauen und MĂ€nnern in weiblicher und mĂ€nnlicher Form, im Plural oder in Passivkonstruktionen zu schreiben, wird der Erwartung geschlechtergerechter Schreibung derzeit am ehesten gerecht.âcite-ref-rdr-2018-06-08-54-0[54] 2020 gab die Gesellschaft fĂŒr deutsche Sprache ihre Leitlinien der GfdS zu den Möglichkeiten des Genderings heraus, die das Ziel und beide Mittel der geschlechtergerechten Sprache bestĂ€tigen.cite-ref-gfds-2020-leitlinien-55-0[55] Im August 2020 erschien der Rechtschreibduden mit einem eigenen Kapitel Geschlechtergerechter Sprachgebrauch, in dem zur Gleichbehandlung der Geschlechter festgestellt wird: âUm Gleichstellung zu realisieren, ist der Sprachgebrauch ein relevanter Faktor.â Generische Maskulinformen werden bezĂŒglich ihrer VerstĂ€ndlichkeit als nicht eindeutig gekennzeichnet und die gebrĂ€uchlichen Alternativen dargestellt (Beidnennung, Kurzformen und Neutralisierung). Daneben werden auch das Binnen-I sowie mehrgeschlechtliche Schreibweisen genannt (Genderstern, Unterstrich, Doppelpunkt), die vom amtlichen Regelwerk nicht abgedeckt sind, wobei sich âdie Variante mit Genderstern in der Schreibpraxis immer mehr durchsetzt.âcite-ref-rechtschreibduden-2020-112-114-56-0[56]
Siehe auch
:
Liste von Einrichtungen, die Genderzeichen nutzen
Generisches Femininum
â
Hauptartikel
:
Generisches Femininum
Als spiegelbildliches Mittel zum generischen Maskulinum wird verschiedentlich das generische Femininum vorgeschlagen, bei dem zur geschlechtsabstrahierenden Personenbezeichnung nur die grammatisch weibliche Wortform verwendet wird; beispielsweise wĂŒrde Lehrerinnen in diesem Sinne alle LehrkrĂ€fte meinen, also auch Lehrer. Einen solchen verallgemeinernden Gebrauch von Femininformen vertritt vor allem die feministische Sprachwissenschaftlerin Luise Pusch seit 1984, unter anderem mit der BegrĂŒndung, dass in der femininen Form die maskuline (zumeist) enthalten sei: Lehrerinnen.cite-ref-pusch-2018-12-12-57-0[57] Ab 1994 haben einige Behörden sowie Autoren die Schreibweise ĂŒbernommen, vor allem die UniversitĂ€t Leipzig wurde 2013 bekannt, als sie in ihrer âGrundordnungâ fĂŒr Funktionsbezeichnungen und akademische Grade neben neutralen Wortformen generische Femina nutzte (siehe Anwendungsbeispiele des generischen Femininums).
Die Gesellschaft fĂŒr deutsche Sprache Ă€uĂerte sich im August 2020 in ihren Leitlinien zu den Möglichkeiten des Genderings ablehnend zur Verwendung femininer Bezeichnungsformen in generischer Bedeutung: âDiese Lösung ist nicht geschlechtergerecht, denn hier wird das andere Geschlecht nicht explizit angesprochen, sondern ist nur âmitgemeintâ. Die Kritik, die am generischen Maskulinum geĂŒbt wird, trifft hier ebenfalls zu. Eine Gleichbehandlung, um die es bei geschlechtergerechter Sprache geht, ist beim generischen Femininum so wenig gewĂ€hrleistet wie beim generischen Maskulinum.âcite-ref-gfds-femininum-58-0[58]
Siehe auch
:
Ableitung maskuliner Formen von femininen Bezeichnungen
Grenzen der Ersetzbarkeit des generischen Maskulinums
Generische Maskulina können mit Mitteln wie den vorgenannten in vielen FĂ€llen so ersetzt werden, dass eine Verwechslung mit echten Maskulina so gut wie ausgeschlossen ist. In einigen FĂ€llen fĂŒhrt der Versuch der Ersetzung aber zu Problemen:
Komposita
Problematisch ist eine Substitution bei Komposita, in denen ein generisches Maskulinum als Modifikator erscheint:
âą BĂŒrgermeister, FuĂgĂ€ngerĂŒberweg, Leserbrief
âą richterlich, meisterhaft, bauernschlau
Die Substituierung des generischen Maskulinums durch Alternativformen wĂŒrde hier ĂŒbermĂ€Ăig lange und tendenziell unĂŒbersichtliche Wörter wie etwa *BĂŒrgerInnenmeisterInnen, *BĂŒrger(innen)meister(innen), *BĂŒrger- und BĂŒrgerinnenmeister und -meisterinnen hervorbringen.cite-ref-richtlinien-59-0[59]
HĂ€ufung von Personenbezeichnungen
Das Risiko ĂŒbermĂ€Ăig langer Formulierungen ergibt sich auch dann, wenn in einem Satz gleich mehrere generische Maskulina ersetzt werden sollen:
âą âBei uns ist der Kunde noch König.â
Tautologien
Semantisch ist die Ersetzung des generischen Maskulinums dann problematisch, wenn die Alternativform nach Absicht des Sprechers zwar Referenten unbestimmten Geschlechts bezeichnen soll, von den Hörern aber als Bezeichnung weiblicher Referenten verstanden wird:
âą âFrauen sind die vernĂŒnftigeren Autofahrerinnen.â Hier handelt es sich um eine Tautologie, denn ausnahmslos alle Autofahrerinnen sind Frauen.cite-ref-br-hlmeier-60-0[60]
âą âSie ist unsere beste Ingenieurin.â Diese Formulierung suggeriert, dass die Bezeichnete zwar die beste der weiblichen Ingenieure ist, dass es daneben aber mĂ€nnliche Ingenieure gibt, die möglicherweise qualifizierter sind als sie.
In FĂ€llen wie diesen funktionieren auch Beidnennungen nicht:
âą MĂ€dchen sind die besseren SchĂŒler und SchĂŒlerinnen.
âą Akademikerkinder sind die erfolgreicheren SchĂŒler und SchĂŒlerinnen.
In verschiedenen Sprachen
Spanisch
In der spanischen Sprache â insbesondere im Netzjargon â finden seit der Mitte der 1990er Jahre schriftliche Formen wie l@s trabajador@s (statt generisch maskulin los trabajadores) moderate Verbreitung.cite-ref-61[61] Eine alternative und noch weniger verbreitete Form ist die Ersetzung des sexusbezeichnenden Vokals durch ein x (lxs desempleadxs statt los desempleados oder las desempleadas).cite-ref-62[62] Eine der wenigen Studien, die zum generischen Gebrauch des Maskulinums im Spanischen vorgelegt wurde, stammt aus dem Jahre 1997.cite-ref-63[63]
Französisch
Auch in der französischen Sprache existieren GebrĂ€uche, geschlechtsspezifische Teile von Endungen durch das At-Zeichen â@â zu ersetzen, etwa limit@s statt (generisch) maskulin limitĂ©s oder feminin limitĂ©es (vergleiche Ăcriture inclusive).cite-ref-64[64] Zum Sprachgebrauch im Französischen, wo weibliche Ableitungsformen bei den Berufsbezeichnungen kaum existieren, haben Pascal Gygax und Ute Gabriel 2008 eine Untersuchung vorgelegt.cite-ref-65[65]
Studien
Studien zum Verstehen
Einige Studien legen nahe, dass es manchen Sprachbenutzern schwerfĂ€llt, generische Maskulina als solche zu erkennen und nicht allein auf mĂ€nnliche Referenten zu beziehen, und dies, obwohl die Regeln fĂŒr das generische Maskulinum und fĂŒr seine Disambiguierung einfach zu vermitteln sind.cite-ref-66[66] In der Singularform (âjeder Ingenieurâ) werden generische Maskulina eher missverstanden als in der Pluralform (âalle Ingenieureâ).cite-ref-67[67]
Bei Kindern
Der Erziehungswissenschaftler Dries Vervecken (FU Berlin) hat, teilweise mit Koautoren, mehrere Studien zum VerstÀndnis und zur Wahrnehmung des generischen Maskulinums bei Schulkindern vorgelegt. 2012 kam er zu dem Befund, dass 6- bis 12-jÀhrige MÀdchen an Berufen, die ihnen beschrieben wurden, eher Interesse fanden, wenn in den Texten Beidnennungen (Ingenieur/Ingenieurin) verwendet wurde, als wenn darin generische Maskulina vorkamen.cite-ref-71[71] Zwei 2013 und 2015 veröffentlichte Folgestudien desselben Autors bestÀtigten diesen Befund.cite-ref-72[72]
Bei Erwachsenen
Eine der ersten Untersuchungen zum VerstĂ€ndnis des generischen Maskulinums im Deutschen stammt von dem Sprachwissenschaftler Josef Klein (1988). Klein legte 290 Versuchspersonen LĂŒckentexte vor, in denen generische Maskulina vorkamen und in denen der Sexus der Referenten ergĂ€nzt werden sollte. 72 % der mĂ€nnlichen und 67 % der weiblichen Versuchspersonen gaben MĂ€nner als Referenten an. Klein untersuchte auch eine Kontrollgruppe, deren LĂŒckentexte statt der generischen Maskulina Beidnennungen enthielten (âKölner BĂŒrger/BĂŒrgerinnenâ). Auch in der Kontrollgruppe gaben 61 % der mĂ€nnlichen und 57 % der weiblichen Versuchspersonen mĂ€nnliche Referenten an. Da die Verwendung von Beidnennungen den Vorsprung mĂ€nnlicher Geschlechtsspezifizierung keineswegs beseitigte, schloss Klein, dass das generische Maskulinum zwar zu einem gewissen Teil, aber keineswegs allein fĂŒr das Nicht-Mitdenken von Frauen in gemischtgeschlechtlichen Gruppen verantwortlich sei, und dass âdas situationsĂŒbergreifende Stereotyp der Dominanz des Mannes [âŠ] offenbar in tieferen kognitiven Schichten verankert [ist] als in der Grammatik der Wortbildungâ.cite-ref-73[73]
SpĂ€ter durchgefĂŒhrte Studien bestĂ€tigten Kleins Befunde: alternative Formulierungen (insbesondere mit Binnen-I, Beidnennung und SchrĂ€gstrichschreibweise; weniger mit Neutralisierung) werden von Versuchspersonen weniger hĂ€ufig als generisch verwendete Maskulina ausschlieĂlich auf mĂ€nnliche Referenten bezogen.cite-ref-scheele1993-74-0[74]cite-ref-heise2000-75-0[75]cite-ref-stahlberg2001-76-0[76]cite-ref-heise2003-77-0[77]cite-ref-rothmund-78-0[78]cite-ref-blake-79-0[79] Lisa Irmen und Astrid Köhncke stellten 1996 in zwei Experimenten fest, dass nur 20 % beziehungsweise 49 % der Versuchspersonen verstanden, dass ein generisches Maskulinum sich auch auf weibliche Referenten beziehen kann.cite-ref-irmen1996-80-0[80] Allerdings konnte in keiner dieser Studien eine Alternativformulierung aufgewiesen werden, die zu einer vollstĂ€ndigen Ausgewogenheit weiblicher und mĂ€nnlicher Referenten gefĂŒhrt hat.
Wie bereits Klein aufgefallen war, nehmen mĂ€nnliche Versuchspersonen bestimmte Formulierungen anders wahr als weibliche. Ein Forscherteam der UniversitĂ€t Mannheim (1998) legte Versuchspersonen Texte vor, in denen ĂŒber bestimmte Berufsgruppen teils mit generischem Maskulinum, teils mit alternativen Formulierungen (Beidnennung, Neutralisierung) berichtet wurde; die Versuchspersonen sollten dann den Frauenanteil in diesen Berufsgruppen schĂ€tzen. Bei âtypisch mĂ€nnlichenâ Berufen schĂ€tzten die mĂ€nnlichen Versuchspersonen den Frauenanteil bei neutralisierenden Formulierungen am höchsten (31,5 %; Beidnennung: 27,63 %; generisches Maskulinum: 23,56 %). Die weiblichen Versuchspersonen dagegen schĂ€tzten ihn bei Beidnennung am höchsten (33,13 %; Neutralisierung: 23,44 %; generisches Maskulinum: 17,06 %).cite-ref-braun1998-81-0[81] Ute Gabriel (TNUN Trondheim) und Franziska Mellenberger (UniversitĂ€t Bern) beobachteten 2004, dass mĂ€nnliche Versuchspersonen auf eine Ersetzung generischer Maskulina durch Alternativformen stark ansprachen (indem sie mehr weibliche Referenten bezeichneten), wĂ€hrend bei den weiblichen dieselbe Manipulation nur geringe Effekte zeigte.cite-ref-82[82]
Der österreichische Indogermanist Ivo Hajnal hĂ€lt ein Verschwinden des generischen Maskulinums fĂŒr vorstellbar, sieht die treibende Kraft dafĂŒr jedoch nicht in der Gender-Politik, sondern in sprachhistorischen Faktoren.cite-ref-hajnal-85-0[85]
Studien zum Gebrauch
Die Germanistin und Politikerin Regula BĂŒhlmann wies 2002 in einer Analyse von 36 Artikeln aus Deutschschweizer Tageszeitungen nach, dass das generische Maskulinum vorwiegend fĂŒr Personenbezeichnungen mit hohem Prestige verwendet werde, wĂ€hrend Beidnennungen eher verwendet wĂŒrden, um Personen mit geringerem Prestige zu bezeichnen.cite-ref-86[86] Eine weitere Studie aus dem Jahre 2003, fĂŒr die ein Korpus aus 573 Texten unterschiedlichster Art analysiert wurde, bestĂ€tigte diesen Befund nicht.cite-ref-87[87]
Die Linguisten Helmut WeiĂ und Ewa Trutkowski der UniversitĂ€t Frankfurt wiesen nach, dass maskuline Personenbezeichnungen im Deutschen schon immer fĂŒr verschiedene biologische Geschlechter verwendet und maskuline Hauptwörter schon im Althochdeutschen âgenerischâ â also unabhĂ€ngig vom Geschlecht â gebraucht worden seien. Begriffe wie Freund, Feind, Gast, Nachbar, SĂŒnder seien schon im Alt- und Mittelhochdeutschen geschlechtsunspezifisch verwendet worden.cite-ref-88[88]cite-ref-89[89]
Theoretische AnsÀtze
Semantische Sicht
Zu den PrĂ€missen der Feministischen Linguistik zĂ€hlte von Anfang an eine enge Beziehung zwischen Genus und Sexus, bis hin zu der Auffassung, dass das Genus vom Sexus abgeleitet (wenn nicht gar mit dem Sexus identisch) sei und dass die Funktion des Artikels darin bestehe, Genus und Sexus zum Ausdruck zu bringen.cite-ref-diaz9-90-0[90] Diese Auffassung geht u. a. auf Jacob Grimm zurĂŒck, der im 19. Jahrhundert vermutet hatte, dass Feminina im Deutschen immer da entstanden seien, wo Referenten bezeichnet werden sollten, die als weich, passiv und empfangend empfunden werden.cite-ref-91[91] Im 20. Jahrhundert haben Autoren wie Toshi Konishi und Donald J. MacKay Ă€hnliche Positionen vertreten.cite-ref-92[92] In der modernen, strukturalistisch geprĂ€gten Linguistik ĂŒberwiegt heute aber die Auffassung, dass die Genuszuweisung vollstĂ€ndig arbitrĂ€r (= zufĂ€llig) sei.cite-ref-93[93]
Im nĂ€chsten Schritt haben die Vertreter der semantischen Sicht argumentiert, dass das zur Norm erhobene Maskulinum die Dominanz des Mannes in der Gesellschaft anzeige.cite-ref-94[94] Generische Maskulina seien gleichzeitig Symptom und Quelle eines fundamentalen Androzentrismus.cite-ref-95[95] Autorinnen wie Senta Trömel-Plötz gingen in den 1980er Jahren so weit, den generischen Gebrauch von Maskulina als sexistisch und als eine MaĂnahme einzustufen, die, weil sie Frauen ignoriere und ausschlieĂe, geeignet sei, Frauen Gewalt anzutun.cite-ref-diaz9-90-1[90]cite-ref-richtlinien-96-0[96] Da die Sprache das Denken und die Wahrnehmung einer Sprachgemeinschaft beeinflusse, sei eine geschlechtergerechte Sprache ein naheliegendes Mittel, um der Benachteiligung der Frau in der Gesellschaft entgegenzuwirken.cite-ref-97[97]
Androzentrismus
Im Deutschen sind die Möglichkeiten der Personenbezeichnungen grundlegend âasymmetrischâ (seitenverschieden), sodass beispielsweise Schoenthal und Samel sie als androzentrisch ansehen (der Mann als Norm).cite-ref-schoenthal-1989-296-314-98-0[98]cite-ref-samel-1995-50-99-0[99] Das maskuline grammatische Geschlecht werde im Sprachgebrauch als die Norm dargestellt und die femininen Formen als die Abweichung. Dies sei nach Schoenthal mit einer positiven Bewertung der Norm und einer negativen der Abweichung verbunden.cite-ref-schoenthal-1989-296-314-98-1[98]cite-ref-samel-1995-50-99-1[99]cite-ref-100[100] Weibliche Berufsbezeichnungen werden in der Regel aus der mĂ€nnlichen Berufsbezeichnung moviert (Lehrer â Lehrerin). Im umgekehrten Fall, etwa fĂŒr die traditionell weiblichen Berufe Hebamme oder Krankenschwester, werden in Deutschland keine mĂ€nnlichen Entsprechungen gebildet, sondern neue Wörter wie âEntbindungshelferâ oder âKrankenpflegerâ, aus denen wiederum weibliche Formen abgeleitet werden: Entbindungshelferin, Krankenpflegerin.cite-ref-101[101]
Eine gĂ€ngige Strategie von Frauen, die bislang mĂ€nnlich dominierte TĂ€tigkeiten einnahmen, sei es bis in die 1980er-Jahre gewesen, sich selbst mit maskulinen Bezeichnungen zu benennen (etwa als Ingenieur), um in der Fachwelt Anerkennung zu finden (als Fachkraft, nicht als Frau). Die âzu starkeâ Betonung des weiblichen Elements durch Benutzung der Endung -in wurde lange Zeit als nicht zielfĂŒhrend empfunden (im Sinne der Emanzipation der Frauen), zumal eine besondere Kennzeichnung (Markierung) von Frauen die Nebenbedeutung fördere, MĂ€nner seien der Normalfall und Frauen der Sonderfall. SpĂ€testens mit dem Einsetzen der feministischen Sprachkritik sei diese Strategie jedoch aufgegeben worden. Jetzt gelte es, die mit der Endung -in verbundenen negativen Bedeutungen zu verĂ€ndern, indem im Zusammenhang mit dem Reden ĂŒber Frauen Positives genannt werde.
Ăbersehen wird dabei jedoch, dass die Endung -in im Deutschen eine lĂ€ngere Geschichte hat. Bis in die 2. HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts wurde sie vor allem fĂŒr die Gattinnen von Amtsinhabern verwendet. Frau Professorin MĂŒller bezeichnete also die Ehefrau von Professor MĂŒller, wĂ€hrend Frau Professor MĂŒller selbst einen Lehrstuhl innehatte.cite-ref-102[102]
Verfehlung der kommunikativen Absicht und Uneindeutigkeit
Die generische Benutzung eines Maskulinums setzt die Bereitschaft von Leserinnen oder Hörerinnen voraus, dass bei Bezeichnungen, mit denen sie bezeichnet werden, von ihrem natĂŒrlichen Geschlecht abgesehen werde; diese Akzeptanz sei nicht unbedingt gegeben. In solchen FĂ€llen komme es oft zu vermeidbaren Störungen der Kommunikation auf der Beziehungsebene. Unter BerĂŒcksichtigung der Aspekte Sprachökonomie und Ăsthetik urteilt Psychologin Nicola Döring von der Technischen UniversitĂ€t Ilmenau:
âWer es mit der Lesbarkeit von Texten im Sinne eines verstĂ€ndigungsorientierten Kommunikationsbegriffes ernst meint, darf also nicht nur die Sprachökonomie bemĂŒhen. Denn was nutzt eine kurze und bĂŒndige Formulierung, wenn sie am Ende falsch verstanden wird oder anderweitige Rezeptionsprobleme aufwirft?â
â
Nicola Döring
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Einspruch: MĂ€nnliche Formen.
Kritisiert wird, dass bei der Verwendung des generischen Maskulinums nicht explizit ĂŒbermittelt werde, ob weibliche Personen wirklich mitgemeint sind.cite-ref-hentschelweydt-104-0[104] Laut dem Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg ist die semantische Charakterisierung des generischen Maskulinums âFrauen sind mitgemeintâ sogar inkorrekt, da Frauen gar nicht gemeint seien, âebenso wenig wie MĂ€nner oder GeschlechtsidentitĂ€ten jenseits der binĂ€ren Normâ.cite-ref-105[105] Hinzu komme, dass laut Luise F. Pusch der Kontext hĂ€ufig erst sehr spĂ€t eine Disambiguierung erlaube.cite-ref-gkd-106-0[106] Vor allem in Texten zu historischen Begebenheiten sei unklar, ob sich etwa keltische Krieger oder Priester nur auf MĂ€nner (spezifisches Maskulinum) oder auf Frauen und MĂ€nner (generisches Maskulinum) beziehe. Durch diese Ungenauigkeit im Ausdruck werde das TextverstĂ€ndnis erschwert.
Kritik richtet sich auch gegen generisch maskuline Pronomen, die in bestimmten Kontexten nicht korrekt referieren, weil sie eher geschlechtsspezifisch als geschlechtsneutral wahrgenommen werden. Aufgrund der Kongruenzregel im Deutschen, die unter anderem Interrogativpronomen betrifft, mĂŒssen SĂ€tze wie âWer hat seinen Lippenstift im Bad vergessenâ gebildet werden. Auch Indefinitpronomen sind davon betroffen, sodass Aussagen wie âDie Menstruation ist bei jedem ein bisschen andersâ entstehen.cite-ref-gkd-106-1[106]cite-ref-107[107] Der Satz âZur Verweigerung des Zeugnisses sind berechtigt 1. der Verlobte des Beschuldigten oder [âŠ] 2. der Ehegatte des Beschuldigten [âŠ]â (§ 52 der deutschen Strafprozessordnung) sei ein Beispiel fĂŒr die Verwirrung, die das generische Maskulinum auslösen könne.cite-ref-spiegel-1989-7-108-0[108]
Strukturalistische und generativgrammatische Sicht
Wie Ivo Hajnal aufgewiesen hat, kann die feministische Sprachkritik am generischen Maskulinum unter Zuhilfenahme sowohl des strukturalistischen als auch des generativgrammatischen Markierungskonzepts theoretisch begrĂŒndet werden.cite-ref-109[109]
Wenn man vom strukturalistischen Markiertheitsbegriff ausgeht, wie er von Roman Jakobson 1932 in seinem Aufsatz Zur Struktur des russischen Verbumscite-ref-110[110] entwickelt und von Birgit Rabofskicite-ref-111[111] fĂŒr die Feministische Linguistik nutzbar gemacht wurde, steht fĂŒr die Kritik am generischen Maskulinum die Beobachtung im Mittelpunkt, dass Nomina zur Benennung weiblicher Personen im Deutschen meist durch Affigierung vom entsprechenden Nomen im Genus maskulinum erfolgt. Das durch Movierung gewonnene Femininum ist gegenĂŒber dem Maskulinum im strukturalistischen Sinn formal markiert und dadurch in seiner Distribution eingeschrĂ€nkt, wĂ€hrend das merkmallose Maskulinum aus formaler Sicht unmarkiert ist und uneingeschrĂ€nkt verwendet werden kann. Aus dieser formalen Asymmetrie ergibt sich als semantische Konsequenz, dass das Maskulinum â anders als das Femininum â generisch verwendet werden kann.cite-ref-112[112]
Das strukturalistische Konzept weist im Hinblick auf die theoretische BegrĂŒndung der feministischen Sprachkritik allerdings einen entscheidenden Mangel auf: im Deutschen existieren nicht nur generische Maskulina, sondern auch generische Feminina, etwa die Gans (mit Motionsmaskulinum der GĂ€nserich oder Ganter). Auch wenn dieser Fall selten auftritt, so belegt dieses Beispiel doch, dass MarkiertheitsverhĂ€ltnisse nicht allein aufgrund struktureller, sprachimmanenter Faktoren gegeben sind, sondern auch die Wahrnehmung der auĂersprachlichen RealitĂ€t widerspiegeln (weibliche GĂ€nse werden in weitaus gröĂerer Zahl gehalten als mĂ€nnliche).cite-ref-113[113] Anders jedoch bei die Maus oder die Katze, bei denen das weibliche Genus keine auĂersprachliche RealitĂ€t widerspiegelt.
Da der strukturalistische Ansatz die auĂersprachliche Wirklichkeit in seinen theoretischen Rahmen nicht zu integrieren vermag, bietet der generativgrammatische Markiertheitsbegriff, wie ihn der NatĂŒrlichkeitstheoretiker Willi Mayerthalercite-ref-114[114] begrĂŒndet hat, eine Alternative.cite-ref-115[115] Wiederum war es Rabofski, die diesen Ansatz fĂŒr die feministische Sprachkritik erschlossen hat.cite-ref-116[116] Der Markierungswert orientiert sich, wenn von diesem theoretischen Rahmen ausgegangen wird, an AuĂersprachlichem: das generische Maskulinum in der Student etwa beruht danach auf der auĂersprachlichen Wahrnehmung, dass Studenten ĂŒberwiegend mĂ€nnlichen Geschlechts seien.cite-ref-117[117]
Psycholinguistische Sicht
Die psycholinguistisch orientierten Forscherinnen Friederike Braun, Sabine Sczesny und Dagmar Stahlberg haben sich gegen semantische Deutungen gewandt. Das Interesse dieser Autorinnen gilt vorrangig der Untersuchung, wie Versuchspersonen verschiedene sprachliche Formen im Hinblick auf die Geschlechter von Personen (generisch gebrauchte Maskulina und Alternativformen) interpretieren.cite-ref-braun2005-6-118-0[118]
StÀrker als die Vertreter der semantischen Sicht richtet die empirisch orientierte Forschung ihre Aufmerksamkeit auch auf mögliche weitere Faktoren, die determinieren, ob ein Rezipient generischer Maskulina nur an mÀnnliche oder auch an weibliche Referenten denkt. Das Missverstehen generischer Maskulina ereignet sich nicht bei allen Versuchspersonen unter allen Versuchsbedingungen einheitlich hÀufig. Zum Beispiel lesen sie generische Maskulina in Kontexten, in denen sie aufgrund ihres Weltwissens erwarten, dass von MÀnnern die Rede ist, anders als in Kontexten, in denen sie erwarten, dass von Frauen die Rede ist.cite-ref-braun2005-17-119-0[119]
Ein bedeutender Befund der empirischen Forschung ist, dass Leser das generische Maskulinum zwar hĂ€ufig als spezifisches Maskulinum missdeuten, dass alternative Formulierungen aber ebenfalls kein Gleichgewicht zwischen weiblichen und mĂ€nnlichen Referenten zu erzeugen vermögen. Die Autoreninnen der Studien haben daraus den Schluss gezogen, dass das âNicht-Mitdenkenâ von Frauen durch die Sprache zwar begĂŒnstigt, aber nicht verursacht werde. Die Ursachen fĂŒr Geschlechtsrollenstereotype liegen nach ihrer Auffassung nicht in der Grammatik, sondern in weitaus tieferen Schichten der durch die Kultur zugerichteten Kognition. BloĂe Sprachpolitik werde an der systematischen gesellschaftlichen Benachteiligung von Frauen wenig Ă€ndern. Die Kultur- und Sozialanthropologin Ingrid Thurner (UniversitĂ€t Wien) hat 2013 gewarnt, dass die âSprachgerechtigkeitâ ein wohlfeiles Ablenkungsmanöver sei, das von MĂ€nnern zwar willig angenommen werde, an deren Vormachtstellung aber sehr wenig Ă€ndern werde.cite-ref-120[120]
Siehe auch
Portal Frauen: Gendergerechte Sprache
â LeitfĂ€den, Presse, Studien, Videos
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Weblinks
Wiktionary: generisch
â BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
Wiktionary: Maskulinum
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